|
Pressetexte
Der Zug der Zeit
Brigitte Woman, von Anna M. Löfken
DER ZUG DER ZEIT (1001 Nacht: von Istanbul nach Damaskus)
Vom Luxus der Langsamkeit
Es gibt noch Orte auf dieser Welt, denen man sich ohne Eile nähern sollte, um ihren Pulsschlag zu spüren. Aleppo ist so ein Zauberort, die Wüstenstadt Palmyra in Syrien und Kappadokien mit seiner bizarren Tuffstein-Landschaft in der Türkei. Stationen einer besonderen Zugfahrt von Istanbul nach Damaskus auf der Spur der legendären Bagdadbahn.
Langsam, ganz langsam setzt sich der Zug in Bewegung, Richtung Kappadokien, hinaus in die anatolische Nacht. Die Koffer stehen in den Gängen, unsere Köpfe recken sich aus den Fenstern. Ein letzter Blick noch auf Instanbul, auf den Bosporus mit seinen Fähren und Booten, die zwischen Europa und Asien wuseln. Ein letzter Blick auf die Minarette und die Hagia Sophia, auf die Kuppeln der Blauen Moschee, auf Hochhäuser und einen Vergnügungspark, auf Internetcafés und Hinterhöfe, in denen Wäsche an langen Leinen flattern. Der Lärm der 15-Millionen-Stadt verebbt. Unser Ziel: Damaskus, etwa 3000 Kilometer entfernt, wo wir in gut einer Woche sein werden.
Das rollende Landschulheim
Wer schläft in den Doppelkabinen oben? Wo ist das Klo? Gibt es wirklich nur eine Gemeinschaftsdusche pro Waggon? Wir sind aufgeregt wie Schüler auf einer Klassenfahrt. Kleidung verschwindet im Spind, erste Kontakte werden zur Nachbarkabine aufgenommen (ob da wohl einer schnarcht?). Kellner Safir serviert im Speisewagen heißen Tee und Schüsselchen mit Mandeln und Pistazien. Vier Fernseher hängen von der Decke, Lämpchen baumeln von der Gepäckablage, goldweiße Tischdeckchen und dunkelroter Teppich verwandeln den Waggon in einen kleinen Salon, der auf unserer Fahrt zu unserem wichtigsten Kommunikationszentrum wird. Hier wird köstlich gegessen (Lamm mit Nelken-Muskat-Zimtsoße und gerösteten Pinienkernen, rote Paprikapaste, Weizentörtchen mit Käse und dazu herrlichsten Naturjoghurt): Hier wird feiner Rotwein aus dem Libanon getrunken und so lange geredet, gelacht und kennen gelernt bis tief in die Nacht. Einige von uns lieben Eisenbahnen (Also, wenn die Querbeschleunigung zwei Meter pro Sekunde im Quadrat ist, dann wird’s einem übel. Alles klar?). Und die Bagdadbahn stand bei ihnen weit oben auf ihrer Wunschliste. Andere finden es besonders spannend, die Kuturschätze der Türkei und Syriens im gemächlichen Tempo zu besichtigen. Diese Reise ist eine kleine Sensation, denn jahrzehntelang waren Sonderzüge mit Passagieren zwischen den beiden Ländern nicht erlaubt.
Während der Fahrt erfahren wir alles über die Bagdadbahn, deren Strecke wir fast nachreisen. Dieses ehrgeizige Projekt von Kaiser Wilhelm II., der vor etwa 100 Jahren eine Achse von Berlin nach Bagdad und weiter zum Persischen Golf legen wollte, vom Sultan unterstützt, von deutschen Banken finanziert, von deutschen Ingenieuren geplant, mit Spitzhacken der türkischen, kurdischen und armenischen Arbeiter in den steinigen Boden geschlagen. Stillstand, als der Erste Weltkrieg ausbrach und das Osmanische Reich zerbrach. Der erste Zug von Istanbul erreichte Bagdad erst im Jahr 1940, da hieß er dann Taurus-Express.
Unser Sonderzug ist etwas Einmaliges: Er schaukelt uns friedlich durch die Nacht, lässt uns tagträumen, wenn wir hinausschauen, hinaus auf die Weite Anatoliens, wo Wolken über karge Hügel jagen, hinaus auf schneebedeckte Berge des Taurusgebirges, hinaus auf Olivenhaine, Wein- und Reisfelder vor blitzblauem Himmel gleich hinter der syrischen Grenze. Manchmal muss er kurz an Bahnhofshäuschen anhalten, die so herausgeputzt sind, als stünden sie in Oberschwaben, um Regelzügen den Vortritt zu lassen. Auf den Schildern lesen wir Vezirhan, Eregli, Ulukisia, Nigde, Mersin...
Unser Zug wird zu einem treuen Begleiter. Er wartet, wenn wir zu Ausflügen aufbrechen, nach Kappadokien zum Beispiel. Wir tauchen dort ein in eine Welt aus Höhlen, Schlünden, Schluchten und Zipfelmützen, aus Tuffstein, modelliert von Wasser, Wind und Sand. Verfolgte Christen haben sich hier früher unterirdische Städte und Kirchen gebaut, heute sind sie spannende Labyrinthe für Touristen, die keine Platzangst habe dürfen. Wir übernachten heute in der „Kappadokya-Lodge“, einer schönen Anlage inmitten dieser bizarren Traumlandschaft. Genießen die eigene Dusche, das geräumige Zimmer. Doch am nächste Tag freue ich mich richtig, als unser Zug in Incesu zur Weiterfahrt Richtung Syrien bereitsteht, Safir uns wieder jeden Wunsch von den Augen ablesen möchte und Küchenchef Mahmut zur Höchstform aufläuft.
Die Wüste, die Tempel und wir mittendrin
Aufwachen und in ein rötliches Nichts blicken, darüber nur ein blauer Strich, wie mit dem Lineal gezogen. Sackbahnhof Palmyra. Doch die Stille trägt. Auf der anderen Seite des Zuges stürmen die ersten Mitreiseden im Schlafanzug in das neu gebaute Toilettenhäuschen am Schienenstrang. Auf Kamelen werden wir uns der alten Oasenstadt Palmyra nähern, schalten dabei noch einen Gang runter. Muschelfarbenes Licht. Es ist noch früh an diesem Morgen, und die Tiere stapfen erhobenen Hauptes mit ihren tellerminengroßen Füßen über Staub und Steine. So schaukeln wir dieser ehemaligen Metropole entgegen, die vor über 2000 Jahren von arabischen Kaufleuten zwischen Damaskus und den Ebenen des Euphrats gegründet wurde, damals ein wichtiger Handelsplatz, ein Rastplatz für Karawannen. Die Bewohner waren Kosmopoliten, sprachen Griechisch, Persisch und Aramäisch. Geblieben ist eine zehn Quadratkilometer große Ruinenstätte mit Säulenallee aus der Römerzeit, der Agora, einem Amphitheater, dem Hadrianstor. Und dem Baal-Tempel, wo die Tieropfer gebracht wurden. Der Rauch war für die Götter, das Fleisch für das Volk. Wir sind noch allein mit diesen stummen Zeugen einer bedeutenden Epoche. Sitzen verstreut auf breiten Quadraten, schauen hinauf an den sandfarbenen Säulen, die wir Mahnmale gen Himmel ragen. Was wird wohl von unserer Kultur übrig bleiben?
Hassan, Mazen und all die anderen
Hassan ist überall. Denn Hassan ist unser Reiseführer und hat drei besondere Eigenschaften: Er kann wunderbare Geschichten in feinsinnigem Deutsch erzählen. Es ist eine lebende Wechselstube. Und er ist unermüdlich. „Du willst noch mehr von Damaskus sehen? Komm, ich zeige dir das Midan-Viertel!“, sagt Hassan nach dem Abendessen im „Cham Palace Hotel“ und führt uns auf eine grell beleuchtete „Süßwarenmeile“: Berge von Sesamplätzchen, Datteln, gefüllt mit Mandeln, Blättereigröllchen in tiefendem Honig, kandierte Früchte... Männer sitzen in Gruppen, trinken Tee, winken uns herbei, Verkäufer schieben kleine Köstlichkeiten in unseren Mund. „Hassan, da ist ja die pure Sünde!“, versuche ich mich sehr zaghaft zu wehren. – „Sündigen ist der schönste Teil der Reue“, lacht Hassan und bestellt noch eine Runde Pistazienküchlein. Weiter geht’s, hinauf auf den Berg Qassioun, wo Liebespaare auf Bänken sitzen, unter uns das Lichtermeer von Damaskus. Dort, wo es grün funkelt, sind Moscheen. Unter ihnen die berühmte Omajjaden-Moschee, eine Oase der Stille in der Hektik der Hauptstadt Syriens. Auf riesigen Teppichen sitzen, liegen, schlafen, meditieren dort tagsüber Besucher, viele Gläubige auch aus dem Irak. Dorthin wird Hassan und morgen bringen, über das Paradies erzählen, das als Mosaikbild der Haupteingang schmückt, den Schrein vom Johannes dem Täufer zeigen und uns mit langen grauen Kaputzenkitteln ausstaffieren, unserer Eintrittskarte in das Gebetshaus. Später werden wir durch den nahen Basar schlendern und vorher noch einige Euro-Scheine in Syrische Pfund wechseln. Bei Hassan natürlich.
Auch Mazen werde ich nie vergessen können. Seine Fürsorglichkeit, seine Herzlichkeit. Mazen ist Arzt, Familienoberhaupt der großen Jabri-Sippe, einer der angesehendsten Familien Syriens. Mazen führt mich zu einem seiner Lieblingsorte: einem ehemaligen Hospital in der Altstadt von Aleppo, in dem psychisch Kranke mit Wasser und Stille geheilt wurden. Heute ein besinnlicher Ort, wo Jasmin im Innenhof duftet, Rosen an brüchigen Steinmauern ranken und Enten im Wasserbecken schwimmen. Und da gibt es noch Moffak, Mohamed, Osama und all die anderen, denen wir auf den Straßen, im Basar, in Cafés begegnen und mit denen wir schnellins Gespräch kommen. Die uns neugierig befragen, sich freuen, dass wir ihr Land besuchen, und grüßen (Hallo, meine Blume!), mit uns flirten, unaufdringlich, spielerisch, uns mit Respekt wahrnehmen.
Der Basar, der Nabel der Welt!
„Einmal sehen ist besser als 100-mal hören“, sagt ein arabisches Sprichwort. Einen Basar muss man erlebt haben. Aleppo oder Damaskus? Ich weiß nicht, wer der aufregendste ist. Wie von magischer Hand wird man in das Gewirr aus Straßen und Gässchen, Höhlen und grellbunten Ständen hineingezogen, wird für Stunden verschluckt, vergisst die Zeit. Hier, in diesem kühlen Halbdunkel, spielt sich das eigentliche Leben ab, der Handel mit Kräutern und Teppichen, mit Fleisch, Seifen, Stoffen, Töpfen und Dessous, die jeden Mann schwindelig machen. Hier wird geredet, vernetzt, gescherzt. Blicke fliegen durch schwarze Sehschlitze zu schönen Männern, Esel, beladen mit Datteln und Orangen, werden durch schmale Gänge getrieben. Zwischendurch eine Crêpe, gefüllt mit Sirup, Sesam, Banane und Pistazien. Ein Stopp bei den Silberschmieden, ein Tee beim Stoffverkäufer. Dort steht die 19-jährige Lana mit ihrer Mutter und schaut sich Hochzeitskleider an. Nein, einen Mann habe sie bisher noch nicht. „Aber diese Kleider, sind sie nicht wunderschön?“, sagt sie und streicht mit den Fingern über Pailletten und Rüschen. Einige Ecken entfernt hat Mustafah einen Turm mit Parfümflaschen aufgebaut. „Welcome, Madame!“ Und ich versinke sogleich in einer Wolke aus Rosen und Moschus. Lachen. Weiter, immer weiter.
Die Welt da draußen verblasst wie eine Fotografie, die zu lange in der Sonne lag. Diese moderne Zeit mit ihren riesigen Reklamentafel, auf denen Frauen mit langen blonden Haaren für Schampoo werben, wo schmucklose Hochhäuser mit Satellitenschüsseln an Balkonen die Straßen von Damaskus säumen, wo Autos keinen Meter vorwärts fahren, ohne zu hupen. Über allem schweben die Assads, von Plakaten schauen sie herab auf das Geschehen, der verstorbene Vater milde lächelnd, der Sohn und jetzige Regierungschef Syriens eher melancholisch.
Verblasst auch die schöne Altstadt von Aleppo, die eine der ältesten der Welt sein soll mit ihren verwinkelten Gässchen, den zauberhaften Dachgärten, kleine Nischen und luftigen Innenhöfen. Eine Zitadelle thront auf einem 50 Meter hohen Hügel über die Stadt. Überall nette Cafés, wo Familien sonntags zum Frühstück kommen und Teenager die Wasserpfeife kreisen lassen.
Während wir die letzten Tage durch Damaskus streifen, ist unser Zug schon wieder auf dem Weg Richtung Istanbul. Etwas wehmütig haben wir von ihm Abschied genommen: Die Zugcrew reckte noch lange die Köpfe aus den Fenstern, wir standen mit unseren Koffern und Taschen auf dem Bahnsteig und winkten ihnen nach. Wie schön war es doch, ohne Hast und Termindruck den Tag zu verbringen und dabei viel zu erlben. Jetzt müssen wir wieder anfangen, unser Tempo selbst zu bestimmen. „Allah hat uns die Zeit geschenkt. Von Eile hat er nichts gesagt“, sagen die Araber. Mal sehen, wie lange wir das durchhalten werden.
zurück
|
|
|
|
Ihre Buchungsanfrage ist bis zu Ihrer Unterschrift unter dem Reisevertrag unverbindlich
|
|