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Pressetexte
Der historische Luxuszug
Stefan Voß, dpa/01.11.2005
"Das ist nicht romantisch. Das ist unser Schicksal" - Vom Leben und Arbeiten auf der Transsibirischen Eisenbahn
Jekaterinburg - Moskau - Borschtsch am Baikalsee, Kohlrouladen á la Babuschka vor Jekaterinburg und Boeuf Stroganoff hinter der Wolga: Im ewig schaukelnden Restaurant von Michail Iwanowitsch erlebt die im eigenen Land stark vernachlässigte russische Küche ihre Auferstehung. Während ausländische Reisende im historischen Luxuszug auf der Transsibirischen Eisenbahn ihren Lebenstraum verwirklichen und die endlosen Weiten an sich vorbeiziehen lassen, rotieren auf engstem Raum Köche, Kellner und Spülfrauen. "Alles kein Problem", betont der Restaurantdirektor Michail, "solange der Zug keine Vollbremsung macht, wenn wir die kochenden Kartoffeln vom Herd nehmen."
Das Leben und Arbeiten auf der längsten Bahnstrecke der Welt hat seinen eigenen Rhythmus. "Ich habe keine Ahnung, welcher Tag heute ist, durch welche Stadt wir gerade gefahren sind oder welcher Fluss als nächster überquert wird", sagt der Kellner Oleg. Für ihn zählten nur drei Dinge: Frühstück, Mittagessen und Abendessen. Im Gedränge muss jeder Handgriff sitzen. Es herrsche militärische Disziplin, sonst würde gar nichts klappen, scherzt einer der Köche am gusseisernen Herd und wischt sich bei über 40 Grad Hitze den Schweiß von der Stirn.
In einem fünf Meter langen und eineinhalb Meter breiten Schlauch müssen eimerweise Kartoffeln geschält, die Kohlsuppe Schtschi in Riesentöpfen umgerührt und Berge von Geschirr mit der Hand gespült werden. Fast 200 Reisende wollen auf dieser Fahrt von der chinesischen Grenze westwärts bis nach Moskau verköstigt werden. Drei Restaurantwaggons mit je 32 Sitzplätzen stehen zur Verfügung. Damit alle Passagiere satt werden, sind die Mahlzeiten in zwei Schichten aufgeteilt.
"Die Einsätze mit zwei Essens-Schichten sind die reinste Freude", berichtet der Kellner Oleg mit ironischem Grinsen und räumt dabei in Windeseile das Geschirr ab. Mit der nötigen Sorgfalt werden die Tische neu gedeckt. Obwohl es mitunter gehörig schaukelt und holpert, finden Messer, Gabeln und Löffel ihren angestammten Platz.
Vor jedem Restaurantfenster stehen frische Blumen auf dem Tisch. Flink wie die Ameisen wuseln die Mitarbeiter durch den Waggon. Zwischen den Tischen ist es bedrohlich eng. "Manchmal fühlen wir uns wie in einem Untersee-Boot", scherzt der Kellner Oleg. "Wir kommen hier auch nicht raus."
Während sich die Reisenden mit einem guten Buch in ihre Coupés zurückziehen oder vom Gang aus die muslimischen Wolgadörfer mit ihren kleinen Holzmoscheen bestaunen, macht sich Nadeschda Sergejewna an die Champagner-Gläser. In Seelenruhe putzt die Eisenbahn-Veteranin die Kelche blank. Die untersetzte Frau mit gewelltem weißen Haar ist eine kleine Berühmtheit auf dem russischen Nostalgiezug. "Sie ist schon mit Chruschtschow und Breschnjew gefahren, aber sie lässt sich kaum etwas aus jener Zeit entlocken", raunen die Kellner dem neugierigen Reisenden zu.
Nadeschda Sergejewna kennt die Mitte der 50er Jahre für die sowjetische Nomenklatura gebauten Luxuswaggons wie keine Zweite. Fast ihr ganzes Leben hat die Küchenhilfe auf den Schienen verbracht. Seit fast einem halben Jahrhundert arbeitet sie in den historischen Waggons, die seit einigen Jahren im Westen als "Zarengold" für Traumreisen buchbar sind. Die Staatsführer Chruschtschow und Breschnjew seien Reisende wie alle anderen auch gewesen, berichtet die ältere Dame nach einigem Zögern.
Dass sich die Politgreise das Reisen in ihren Abteilen gern mit blutjungen Komsomolzinnen versüßten, wie manche Russen behaupten, bestreitet Nadeschda Sergejewna energisch. Es sei immer sittsam zugegangen. "Und beschwert hat sich von den hohen Herren niemand über unseren Service", betont sie mit sichtbarem Stolz. Das lasse sich über die Reisenden der Gegenwart leider nicht immer sagen, erzählt Nadeschda, um sich dann demonstrativ wieder ihren Gläsern zuzuwenden.
Sonderzugreisen mit der Transsibirischen Eisenbahn erfreuen sich vor allem bei Deutschen großer Beliebtheit. Zwar muss man für den Weg zwischen dem eigenen Abteil und dem Restaurant 36 Türen öffnen und wieder schließen, doch das nehmen die Reisenden angesichts der atemberaubenden Natur und vielfältigen Kultur gern in Kauf.
Allerdings weiß nicht jeder Ausländer den für russische Eisenbahn- Verhältnisse kaum fassbaren Reiseluxus zu schätzen. Selbst in den Original-Schlafwaggons, wo sich bereits die Staats- und Parteichefs der Sowjetunion ihr vom Regieren müdes Haupt zur Ruhe betteten, sind manche Gäste unzufrieden. Diese Waggons seien rollende Weltgeschichte, sagt einer der Reisebegleiter mit ehrfürchtiger Stimme. Und dennoch zückten einige Gäste ein mitgebrachtes Thermometer, um damit zu demonstrieren, dass das Wasser im persönlichen Waschraum nicht warm genug sei.
Kochend heißes Duschwasser kann die Waggonschaffnerin Tamara zwar auch nicht zaubern, ansonsten aber löst sich jedes Problem mit ihrer Hilfe in Wohlgefallen auf. Wer es am Morgen wagt, sein Bett selbst zu machen, wird freundlich ermahnt. "Lassen Sie das mal schön bleiben. Setzen Sie sich lieber in den Sessel und genießen Sie die Aussicht", verlangt die resolute und zugleich charmante Schaffnerin. Tausendfach praktizierte Handgriffe verwandeln das Bett in wenigen Augenblicken in ein gemütliches Sofa mit zwei Sitzkissen.
Die beiden Toiletten an den Gangenden sind so sauber, wie sie ein normalsterblicher russischer Bahnreisender nie erleben wird. Nur als ein Passagier über Nacht den Hahn im Waschbecken zu schließen vergisst und alles Wasser aus den Tanks herausläuft, ist Tamara machtlos. Bis zum nächsten Bahnhof mit Wasserversorgung bleiben die Toiletten geschlossen. Die Reisenden müssen auf die Nachbarwaggons ausweichen.
Kaum lassen sich am Morgen die ersten verschlafenen Gesichter der durchgerüttelten Gäste auf dem Gang blicken, ruft Tamara ihnen ihr fröhliches "Dobroje utro" entgegen. Nach einer Woche Transsib kann selbst der größte Sprachmuffel den russischen Guten-Morgen-Gruß beantworten.
Tamara kennt die Vorlieben ihrer Gäste genau. "Tschai?", fragt sie und biegt schon mit einem vollen Teeglas um die Ecke. Dass die Deutschen selten mehr als einen Löffel Zucker nehmen, ist ihr auch nach Jahren noch unverständlich. "Zucker im Tee ist die einzige Freude im Leben", lautet ein russischer Spruch. Der andere Spruch zum Thema: "Tee ist kein Wodka, man kann nicht viel davon trinken."
Während Tamara alle acht Abteile in ihrem Waggon mit frischem Tee versorgt, erzählt ihr Kollege und Ehemann Alexander über das Leben auf den Schienen. Sein Markenzeichen sind die hochgekrempelten Ärmel des Uniformhemdes. Tamara und Alexander haben sich, wie es sich für russische Eisenbahner gehört, unterwegs kennen gelernt. So manches Mal gehe ihm das ewige Reisen auf die Nerven, gesteht Alexander ein, um im nächsten Moment einer vorbeigehenden Französin auf dem Weg zum Speisewaggon ein freundliches "Bonjour" zuzurufen.
Seit 16 Jahren arbeite er als Begleiter im Luxuszug der Transsibirischen Eisenbahn. "Ich möchte endlich mal wieder einen ganzen Sommer erleben", sagt Alexander. Von März bis Oktober erstrecke sich die Hauptreisesaison. Da sei er selten länger als ein paar Tage am Stück daheim. Immerhin arbeitet Alexander gemeinsam mit seiner Frau Tamara. Die beiden teilen sich die Arbeit im 5. von insgesamt 16 Waggons. Die zwei Töchter werden daheim von der Oma betreut. Die Arbeit in den Touristenzügen ist hart, aber begehrt. Letzteres liegt vor allem an den meist üppigen Trinkgeldern.
Vor mehr als 15 Jahren haben sich die beiden Schaffner kennen gelernt - bei einer Tour in die mongolische Hauptstadt Ulan-Bator. Als eine Reisende mit Verzückung auf die Liebesgeschichte von Tamara und Alexander reagiert, hat die Schaffnerin eine typisch russische Antwort parat: "Das ist nicht romantisch. Das ist unser Schicksal", umschreibt Tamara das gemeinsame Leben auf der Schiene.
Nicht nur für die wohlhabenden Passagiere aus dem Westen sind die Begegnungen auf der Transsib mitunter ein Kulturschock. "Ich könnte niemals in Deutschland leben", gesteht Alexander ein. Im Westen sei es ihm viel zu materialistisch. Passagiere hätten ihm berichtet, dass sich in Deutschland getrennt lebende Eltern am Familientag mit dem gemeinsamen Kind in einem Restaurant träfen, anstatt zu Hause. "Und dann zahlt auch noch jeder für sich die Rechnung", gibt der Schaffner fassungslos die Schilderungen über den Alltag in Deutschland wieder.
Aus dem Lautsprecher im Gang kündigte eine Stimme auf Deutsch die 1000 Jahre alte Tatarenhauptstadt Kasan an. Die Reisenden schnüren die Rucksäcke für den Ausflug in die Stadt inklusive Bootsfahrt auf der Wolga. Auch Chefkoch Sergej hat Ausgang. "Wir brauchen noch dringend frische Kräuter für das Abendessen", erklärt er. Die Speisekarte lockt mit Gemüsepotpourri "Wolgaschiffer" und Fleischroulade "Zar Nikolai".
Bevor Chefkoch Sergej in Kasan die drei Stufen auf den Bahnsteig hinabsteigt, fällt ihm noch etwas zum Thema "Arbeitsschutz in russischen Zügen" ein. Lachend hält er beide Hände in die Höhe und spreizt die Finger ab. "Es gibt keinen, in den ich mir nicht im Laufe der Jahre geschnitten hätte", sagt der kompakte Koch mit der speckigen Arbeitsjacke. Immerhin sind noch alle zehn Finger dran.
Für die Reisen von der russischen Hauptstadt nach Wladiwostok oder zur chinesischen Grenze und wieder zurück nach Moskau muss Restaurantdirektor Michail Iwanowitsch eine logistische Meisterleistung vollbringen. "Nur in Moskau gibt es kontrollierte Qualität, da kaufen wir das meiste ein", erklärt der drahtige junge Mann mit modischem Spitzbärtchen. Etwa zwei Drittel der Lebensmittel gehen von Moskau aus in Kühlkammern auf die insgesamt fast 15.000 Kilometer lange Reise. Nur die frische Ware werde unterwegs eingekauft.
"Auf der Strecke zwischen Moskau und Wladiwostok kenne ich jeden Markt", betont der Gastronomie-Chef. Allerdings stimme fast nirgendwo die Qualität und die Quantität so wie im reichen Moskau. Kulinarische Extratouren östlich des Urals sind fast unmöglich. "In Irkutsk kann man zwar Bärenfleisch oder auch Elch kaufen, allerdings nicht für 200 Portionen", erläutert Michail Iwanowitsch.
Wenn schon nicht Braunbären, dann wenigstens Himbeeren. Doch selbst bei der Krönung für das Sahnedessert gebe es mitunter Probleme. Ausreichend angeboten werden die Früchte überall an der Strecke. An fast jedem Bahnsteig sitzen alte Frauen und bieten die Beeren feil. "Doch kaum hat man die zwei Eimer in den Restaurantwaggon geschleppt, ist schon die Hälfte der Himbeeren matschig", klagt Michail Iwanowitsch. Im Gegensatz zu Moskau sei es in den Weiten Sibiriens schwierig, zuverlässige Händler zu finden. "Denen ist das schnelle Geld immer noch wichtiger als eine langfristige Zusammenarbeit", bedauert der Gastronomie-Chef.
Mit Wehmut erinnert sich Michail Iwanowitsch an einen Einsatz auf dem "Orient-Express" in Westeuropa. "Unterwegs in der Schweiz sind uns mal an Bord die Croissants ausgegangen", berichtet der Restaurantleiter, "doch schon an der nächsten Haltestation bekamen wir frische Hörnchen direkt an den Bahnsteig geliefert." Zwei Küchenfrauen, die offenbar noch nie zum Arbeitseinsatz im Westen waren, reagieren mit ungläubigem Staunen.
Völlig verloren sei man in den entlegensten Ecken des russischen Riesenreiches aber auch nicht, räumt Michail ein. "Seit einiger Zeit bekommt man fast überall Olivenöl", sagt er anerkennend. Und auf den meisten Märkten jenseits des Urals seien mittlerweile sogar mehrere verschiedene Käsesorten im Angebot.
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