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Pressetexte
Zeitreise im Zarengold
Freizeit & Reisen/ 09.04.2005 von Akelei Roloff
Zeitreise im "Zarengold"Transsib: Von Peking nach Moskau im Zug - noch immer fasziniert diese Tour auf 9000 Schienen-Kilometern.
Die Ouvertüre findet in China statt: Im klinisch sauberen Westbahnhof von Peking startet abends der chinesische Zug Nr. 21, der in 18 Stunden auf der sogenannten Transsib-Magistrale bis zur chinesisch-mongolischen Grenze fährt. Der Blick hinaus geht auf die Wüste Gobi, Sinnbild für öde Weite, aber nach zwei regenreichen Jahren jetzt überraschend grün. Einsame Soldaten halten Wache an Bahnübergängen. Wir sind im Grenzort Erlan. Ab hier geht's weiter im nostalgischen Sonderzug "Zarengold". Zehn Tage lang und durch sechs Zeitzonen hindurch bleiben wir dem Mythos der 102 Jahre alten Transsibirischen Eisenbahn nun auf der Spur. Grüngoldene Bettüberwürfe, Spitzengardinen, auf dem Klapptisch Obst, Kekse, ein Asternstrauß zur Begrüßung: Schaffnerin Irina Vladimirowa ist vorbereitet. Rund um die Uhr wird sie den Samowar heizen, Tee, Kaffee, Bier, Mineralwasser bereit und die Wasch-/WC-Abteile pieksauber halten. Plötzlich ertönt Marschmusik, die mächtige russische E-Lok setzt sich mit 215 Touristen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz in Bewegung. Ade China, wir rollen durch die Mongolei. Im Speisewagen mit kunstvollen Deckenschnitzereien werden abends Lachs, Stör und Rouladen "nach Zarenart" (mit Pilzsoße) und Tomaten à la "Tundraglück" serviert; frisch und reichlich wie alles bei drei Mahlzeiten täglich mit Blinis schon zum Frühstück. Fast kitschig wird's zum Kuchen-Dessert: Am Horizont verglüht die Sonne blutrot über der Steppe, bevor sanftes Mondlicht Jurten der Nomaden und Pferdeherden wie Scherenschnitte silbrig ausleuchtet.
Die Mongolei ist viermal so groß wie Deutschland bei insgesamt nur 2,4 Millionen Einwohnern - und von denen leben allein 850 000 in der Hauptstadt Ulan Bator. Zwischen pastellfarbenen Häusern, Glaspalästen, Internetcafés, schicken Boutiquen voller Kaschmirmode (viermal billiger als zu Hause) bummeln wir durch die verkehrsreiche Innenstadt, in der die neureichen Nachfahren Dschingis Khans ihre US-Karossen spazierenfahren. Im Gandan-Kloster blendet das Gold der Buddha-Figuren, die größte 24 Meter hoch und 19 Tonnen schwer. Wir trinken in Szene-Restaurants inmitten westlich gestylter Handy-Gangs deutsches Bier, vor Ort gebraut von einem Schwaben. Und lauschen im Folklore-Theater dem mongolischen Kehlkopfgesang junger Männer: Zur Musik kurzer "Pferdekopf"-Geigen klingen scheinbar hohe Vogelstimmen zu tiefstem Bärengebrumm.
Rattatadang, Rattatadong: Im rhythmischen Gleichklang der Räder geht es bald weiter. Über die mongolische Grenze ins Reich der Russischen Föderation. Erste Dörfer mit typischen Holzhäusern stehen in grünen Flußniederungen der "wilden" Selenga, in der Ferne langgezogene Bergketten, später die Hochhäuser und Fabrikschlote von Ulan Ude. So geht es viele Stunden durch die autonome Provinz Burjatien. Abends ändert sich die Szenerie mit ausgedehnten Birkenwäldern; plötzlich freie Sicht auf den goldsilbern glitzernden Baikalsee, der tiefste (1637 m) und größte Süßwassersee der Welt (ganz Belgien paßt hinein).
Dichte Birkenwälder dehnen sich bis ans Ufer, ihre Schatten spiegeln sich samtschwarz im See und flammen goldrosa auf, wenn die Sonne durchbricht. "Baikal, Baikal, deine Schönheit ist einmalig . . . ", klingt ein gefühlvolles, russisches Lied schmalzig aus dem Bordradio, da wird selbst unterkühlten Naturen warm ums Herz. "Sachoditje, sachoditje (Treten Sie ein) . . . !" Heftig winkend bittet eine rüstige Babuschka in ihr himmelblaues Häuschen am See: Auf der stillgelegten Ur-Transsib-Strecke durch 39 Tunnel nach Port Baikal sind wir bei Kilometer 101 im "Dorf ohne Namen" gelandet. Geräucherten Omul (eine lachsähnliche Fischspezialität) offeriert sie zu Weißbrot, eingelegten Gurken und Moosbeeren-Wodka. Ein köstlicher Imbiß, mit dem Gastgeberin Ira dank diskret gereichter Rubelchen/Euro/Dollar ihre Rente von umgerechnet 28 Euro aufbessert. Abends lädt die Küchen-Crew zum Mammut-Picknick auf der Uferböschung. Alexander aus dem Salonwagen singt melancholische Lieder zur Ziehharmonika; Dorfbewohner tanzen, feiern ausgelassen mit, und ein kräftiger Hauch "Russische Seele" weht durch die Sommernacht. Die Landschaft mit endlosen Wäldern und Dörfern in weiten Ebenen hat in warmen Augusttagen so gar nichts vom Schrecken Sibiriens mit bis zu minus 50 Grad kalten Wintern, in denen Millionen Verbannte und Deportierte umkamen. Das Zeitgefühl kommt uns abhanden im "schlafenden Land" Sibirien.
Aus den sommerwarmen Wäldern fahren wir weiter in die größte Stadt Ostsibiriens (600 000 Einwohner) nach Irkutsk. Kälteschock bei sieben Grad, Dauerregen. Darunter behaupten sich die Bilder vom weißgrünen Bahnhof, prächtig wie ein Schloß, von aufs Schönste renovierten Kaufmannshäusern, vom verschachtelten Wohnviertel mit reich verzierten Holzhäusern aus dem 19. Jahrhundert oder von den protzigen Villen der neuen Reichen. Vor allem aber vom Markttrubel in riesiger Halle voller heimischer Pilze, Beeren, Gartengemüse, Zedernkerne neben Bergen von Melonen, Weintrauben, Aprikosen, Feigen aus dem fernen Georgien, Usbekistan, Kasachstan. "Deutsche, Deutsche, man muß Deutsch sprechen", rufen fröhliche Händler und bieten Proben scharfer Würste, saurer Gurken, klarer Wodkas an. Aber überall ist auch der Mangel sichtbar: Wir sehen abgeblätterte Fassaden und um Rubelchen bettelnde Menschen. Ganz anders wirkt nach weiteren 1800 Kilometern durch grandiose Landschaften mit Bergketten und Seen die Sibirien-Metropole Novosibirsk, 1893 im Zuge der Transsib-Planung gebaut und auch Klein Chicago genannt. Coca Cola, McDonald's & Co. sind präsent in der 1,5-Millionenstadt präsent, blonde Teenies in bauchfreien Tops bummeln über breite Boulevards, alles ist überdimensioniert: die Oper mit Kino und Schwimmbad, das Lenindenkmal, die Flaniermeile am Fluß Ob. Und allem voran der Bahnhof, größter Sibiriens, Umschlagplatz für täglich 70 000 Reisende.
Die Wälder werden lichter, die Taiga scheint grüner. Nach Jekatarinburg fliegt der Ural, Grenze zu Asien, als sanfthügeliger Schattenriß vorbei. Wir sind zurück in Europa und angekommen in Kasan, Hauptstadt der Tataren. Schon mitten im Planungsfieber für die 1000-Jahr-Feier 2005 werden Bühnen vis-à-vis dem schneeweißen Kreml aufgebaut, russische Kirchen und tatarische Moscheen restauriert. Endspurt auf noch genau 793 Transsib Kilometern, im Salonwagen fließt der Wodka zu "Kalinka"-Klängen. Morgens erreichen wir Moskau. Noch schwankend nach der langen Fahrt und mit den Gedanken irgendwo in den Weiten des Riesenreichs, tauchen wir ein in den Hauptstadt-Moloch - es wirkt, als wären wir auch durch die Zeit gereist.
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