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Pressetexte
Abenteuer Andenbahn
Reisebericht/13.07.2005
Am späten Nachmittag sind wir da, checken ein im guten Hacienda-Hotel "Andalucia" (Humboldt wäre zufrieden gewesen), dann geht es zunächst mal zum Bahnhof und zum Bahnbetriebswerk. Sehr romantisch ist die ganze Anlage, ein bisschen abgewrackt, aber nicht ohne Charme - leider pfeifft die Andenbahn aus dem letzten Loch, und man muss froh sein, wenn überhaupt ein Zug geht.
1874 wurde mit dem Bau der spektakulären Zugstrecke begonnen, die von Durán (auf Meereshöhe) 2800 Meter hoch nach Riobamba ins Andenhochland klettert und einstmals Quito mit dem Ozean verband. Jahrzehnte dauerten die Arbeiten; viele Arbeiter kamen durch Unwetter und Krankheiten ums Leben, und als der erste Zug die 495 Kilometer nach Quito schnaufte, schrieb man bereits den 25. Juni 1908. Die Fertigstellung wurde damals als wichtiger Schritt Ecuadors in Richtung "Erste Welt" gefeiert - den Höhepunkt ihrer Aktivitäten erreichte die Bahn in den 50er-Jahren mit jährlich zigtausend Passagieren und einem Transportvolumen von gut 600.000 Tonnen. Das ist erstaunlich wenn man bedenkt, dass das Gelände so unwegsam ist, dass man beispielsweise die 500 Höhenmeter an der berühmten "Teufelsnase" nur durch vier Spitzkehren überwinden kann: Damals wie heute muss der Zug zweimal reversieren und den schwindelerregenden Ab- bzw. Aufstieg im Zickzack und im Schritttempo meistern. Kaum verwunderlich, dass, kaum war das andine Straßennetz fertiggestellt, die Bahn rasend schnell an Bedeutung verlor - heute sind es gerade noch die Touristen, wegen denen der Betrieb aufrecht erhalten wird. Nach den Indigeñas, deren unzugängliche Seitentäler auch heute noch oft nur per Zug oder auf Maultierpfaden erreichbar sind, fragt ohnehin keiner. Die Strecke Riobamba - Quito und der Ast nach Cuenca werden nach diversen Erdrutschen und Überschwemmungen längst nicht mehr befahren. Und die Einstellung der Reststrecke ist sicher auch nur noch eine Frage der Zeit.
Immerhin gibt es am Bahnhof noch eine der berühmten Baldwin-Hochland-Dampfloks als Denkmal, ein paar weitere liegen in Teilen auf dem Gelände herum und lassen des Eisenbahnfans Herz bluten. Der Hauptverkehr wird heute mit vier französischen Dieselloks abgewickelt, die Waggons sind teilweise über 50 Jahre alt. Manchmal fährt auch der Autoferro, ein ausgedienter US-Schulbus, dem sie Schienenräder verpasst haben. Ein weiterer steht total zermatscht auf dem Gelände herum - hatte wohl eine "gefährliche Begegnung", aber die Arbeiter tragen's mit Fassung: "No hay problema, Maschine geht noch". Dann unterhalten wir uns noch, fleißig gedolmetscht von MariSol, eine ganze Weile über das ecuadorianische und das deutsche Eisenbahnwesen. Gibt es in Alemania wirklich Züge, die 300 km/h schnell sind? Aus welchem Material sind die Schwellen? Was kostet eine Fahrkarte von Frankfurt nach Berlin? Sicher mehr als einen ecuadorianischen Monatslohn, kaum traut man sich die Wahrheit zu sagen.
Am nächsten Morgen dann Wecken um fünf; zum Frühstück gibt's ein Imodium, um den Darm stillzulegen - Klo ist nicht im Transandino, und halten tut er selten. Kurz vor sechs, der offiziellen Abfahrtszeit, sind wir am Bahnhof Riobamba, aber vom Zug ist noch weit und breit nichts zu sehen. Eine Menge Turistas stehen schon am Bahnsteig, darunter auch Yasin, der jetzt seinen großen Auftritt hat: Als der Zug endlich um halb sieben unter lautem Hupen rückwärts einläuft, beginnen ihn die ersten Touristen gleich zu entern, allen voran aber Yasin, der uns mit Zähnen und Klauen vier erstklassige Plätze erkämpft. Viele steigen auch gleich aufs Dach, und wenn man aus dem Fenster blickt, sieht man lauter baumelnde Stiefel.
Die Sonne scheint schon sehr schön auf den Chimborazo, als wir uns gegen 7.00 Uhr endlich in Bewegung setzen. Es ist klapperkalt im Waggon, denn hinter uns fehlt das Fenster. Im Ausbesserungswerk hält der Zug nochmals kurz; die Lok wird einer kleinen technischen Kontrolle unterzogen und an einer Minikapelle mit Weihwasser besprengt, bevor wir auf die Strecke gehen dürfen. Dann nehmen wir Fahrt auf, überqueren schlingernd und mit hohem Horn-Einsatz die Panamericana und machen bald ganz nett Fahrt, so um die 50 km/h ungefähr.
Nach einer Viertelstunde jedoch hält der Zug an einer leichten Steigung. Es steigt aber niemand ein, und wir fragen MariSol, was los sei. Die schickt Yasin zum Schaffner, und als er zurückkommt, sagt sie: "Das Maschine hat kaputt geworden, nicht genügend Leistung bringt für 3600-Meter-Pass, müssen zurück nach Riobamba." Na, Spitze! Wahrscheinlich war beim Weihwasser das Haltbarkeitsdatum abgelaufen.
Wir rollen also eine Viertelstunde zurück ins Ausbesserungswerk. Dort wird die Lok abgekuppelt und untersucht. Alle anderen herumstehenden Loks sind leider defekt, deshalb muss diese hier wieder auf Vordermann gebracht werden. Dazu wird extra ein Spezialist angefordert, der nach einer halben Stunde endlich eintrifft, leicht besoffen, leider, und auf zwei Hilfsbremser gestützt. Doch er macht sich sofort ans Werk, und gegen 8.30 Uhr rollt der Zug endlich wieder, aber diesmal nur fünf Minuten lang, dann tritt er wieder den Rückzug an. Die endgültige Reparatur soll wohl fünf Stunden dauern, das heißt, dass heute wohl kein Zug mehr nach Durán gehen wird.
Die Passajeros beginnen also auszusteigen und zum Busbahnhof zu marschieren, aber Yasin, der hier anscheinend jeden kennt, hat ausfindig gemacht, dass es wohl einen Autoferro geben wird, der ersatzweise eingesetzt wird. MariSol spricht: "Schleichen wir gemächlich zu dem Schuppen dort, langsam aber, damit nix merken andere Turista!" Tja, die Taktik geht auf, wir öffnen die Tür, entern den bereitstehenden Schienenbus, suchen vier schöne Plätze aus, dann geht ein Ruck durch die Touristenmassen und eine wahre Stampede bricht los. Dieser Yasin ist wirklich Gold wert!
Gegen zehn sind wir glücklich wieder unterwegs, ganz flott diesmal und so stark rumpelnd, dass man kaum fotografieren kann. Der Autoferro hupt pausenlos, bei der Ausfahrt aus dem Ausbesserungswerk verfehlen wir nur knapp einen Laster, und auf der weiteren Fahrt sehen wir ständig Indianer, die ihre Viecher von den Schienen scheuchen, denn um diese späte Zeit haben sie nicht mehr mit einem Zug gerechnet.
Angenehm verläuft die Fahrt, in Guamote kauft MariSol Käsebrote als Verpflegung, und dann hält der Zug erst wieder in Alausi. Sofort drängen unzählige Leute herein und aufs Dach, die schon den ganzen Tag gewartet haben. Der Lokführer will dann aber nicht mehr weiterfahren, weil der Zug so überlastet ist, dass sich das Dach nach innen wölbt und durchzubrechen droht. Schließlich müssen zehn renitente Italiener mit Polizeigewalt vom Dach gehievt werden, dann kann es endlich weitergehen.
Jetzt kommt der schönste Abschnitt, über die Teufelsnase. Deshalb hängen alle nach rechts aus dem Fenster, so dass der Zug fast umkippt. Das Tal des Rio Chanchan ist aber auch wildromantisch, und bei der berühmten Reversierstrecke sieht man schon unten den Bahnhof Sibambe liegen. Viermal muss der Hiwi abspringen und eine Weiche umlegen, dann geht es in entgegengesetzter Richtung weiter. Nach einer halben Stunde sind wir unten. Tja, beeindruckend, als wahrer Eisenbahnfan muss man das einmal im Leben mitgemacht haben.
In Sibambe will der Lokführer eigentlich niemand mehr mitnehmen, aber die Indigeñas haben eine Eisenstange quer über die Schienen gelegt, um den Zug zum Halten zu zwingen. Sie warten nämlich hier schon ein paar Tage, und wenn sie jetzt nicht ihre Feldfrüchte auf den Markt schaffen können, gehen diese kaputt und eine Straßenverbindung hierher gibt es nicht. Nach längerer hitziger Diskussion dürfen dann auch die meisten einsteigen, und viele Säcke werden im Mittelgang gestapelt. Und so erreicht der Zug dann, zum Bersten gefüllt, nach lager Fahrt durch üppiges Grün Bucay, im heißen Tiefland, wo Patricio mit dem Auto auf uns wartet.
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