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Pressetexte


Australien: Von Nord nach Süd in einem Zug

ndrtv/weltspiegel/19.05.2005

Erstmals durchquert eine Passagierzug den australischen Kontinent von Nord nach Süd. Zwischen Darwin und Adelaide führt die Strecke auf fast dreitausend Kilometer durchs Outback. „Never Never Train“ taufte der Volksmund den Zug, weil er durch die Never Never genannte unwirtliche Wüste fährt und weil viele nicht daran glaubten, dass er je starten würde. Robert Hetkämper löste eine Fahrkarte und machte sich für uns mit der Eisenbahn auf den Weg. Seine Reportage garantiert einen Fensterplatz mit bester Aussicht auf Australien.
Fast 150 Jahre hat es gedauert, jetzt ist es erreicht: Endlich können die Australier mit dem Zug von Adelaide nach Darwin rollen, vom Süden in den Norden, auf der ersten Längsverbindung des Kontinents. 1863 träumten die Menschen zum ersten Mal von dieser Strecke. Nun steht die 2.250 Kilometer lange Bahnlinie. Ein Riesenprojekt aus 145.000 Tonnen Stahl, mit 97 Brücken und einem Zug, an dessen Spitze drei Diesellokomotiven mit je 4.000 PS etwa 90 Stundenkilometer schaffen. Eine Legende rast durchs Rote Herz von Australien: “The Ghan” heißt der Zug. Und dies ist eine Jungfernfahrt. Über einen Kilometer lang, 43 Waggons, zwei Loks. Zum ersten mal fährt der “Ghan” längs durch Australien, von Adelaide im Süden nach Darwin im äußersten Norden. 3.000 Kilometer in 47 Stunden auf dem längsten Nord-Süd-Schienenstrang der Welt.
Jubel bei der Ankunft in Alice Springs, auf halber Strecke. Hier endete bis vor Kurzem die Ghan-Reise. Und hier beginnt der neue Schienenstrang, dem Australiens Begeisterung gilt. Über hundert Jahre lang hatten Politiker immer wieder die große Nord-Süd-Verbindung versprochen. Erst jetzt wurde sie gebaut. Allerdings nicht, so erfahren wir später, aus romantischen Erwägungen. Am Bahnhof wartet Eric Sultan: Ein Bürger von Alice Springs und Nachfahre afghanischer Kamelführer. ”The Ghan” steht für “afghanischer Zug”. Und das waren bis weit ins Zwanzigste Jahrhundert hinein die großen Kamelkarawanen, die Australiens Einöde durchzogen. Um die Siedlungen in den riesigen Wüsten zu versorgen, heuerten Australier vor hundertfünfzig Jahren Afghanische Experten an und importierten Tausende von Kamelen. Erst mit fortschreitender Motorisierung ging es dann ohne sie. Die Kamele wurden in die Freiheit gelassen. Und sie vermehrten sich rasend. Australien ist heute das
einzige Land der Welt, in dem es wilde Kamele gibt. Wir hatten Eric Sultan kurz vor der Ankunft des Ghan auf einer Kamelfarm bei den Vorbereitungen getroffen. Er findet es ziemlich ironisch, dass Australien einen Zug nach Afghanen benennt, gleichzeitig aber Afghanische Asylbewerber wie Verbrecher einsperrt. "Darum, sagt er, erinnere ich an die Rolle meiner Vorfahren in Australien. Vielleicht ändert das das Bewusstsein."
Und dann gehts los auf dem 1.500 Kilometer langen neuen Schienenstrang. 340 Passagiere sind an Bord. Etwa die Kapazität eines einzigen Jumbo-Jets. Ab Alice Springs sind es noch einmal 25 Stunden Fahrt. Viel viel Gegend, allerdings eher eintönig. Aber für Zugfreunde ist der Weg schon das Ziel. Gleich mehrere Speisewagen versorgen die Gäste. Im Schlafwagenpreis sind die Mahlzeiten enthalten. Gut tausend Euro in der Ersten Klasse, ein Weg, von Adelaide nach Darwin. In der einfachsten Klasse rund 270 Euro. Der reguläre Zug wird einmal pro Woche fahren. Einige Stunden hinter uns rollt dieser Güterzug in den Bahnhof von Alice Springs. Die neue Strecke nach Norden ist nämlich in allererster Linie für den Lastentransport gebaut worden. Dafür sind die 800 Millionen Euro Investitionen geflossen. Bislang mussten alle Güter nach Norden hier auf die großen Road-Trains verladen werden. Mit der neuen Strecke sind die meisten Lastwagen-Fahrer jetzt arbeitslos.
Die neue Eisenbahntrasse dient der wetter- und krisensicheren Anbindung Australiens an die wirtschaftlich und strategisch bedeutsamen Räume im Norden: Dies ist auch: Ein Zug nach Asien. Die Lok zeigt Folklore, aber die Strecke gehört zum größten Teil einem internationalen Konsortium. Stärkster Anteilseigner: Die US-Firma Halliburton. Die kam ins Gerede, weil sie im Irak von großer Nähe zur US-Regierung profitiert haben soll. Amerikas Vizepräsident Dick Cheney war einst Chef von Halliburton. Die neue Strecke dient auch strategischen Interessen Australiens und der USA. Im Hafen von Darwin trifft man häufig US-Kriegsschiffe wie dieses. Von Darwin aus lassen sich die Großräume Südostasiens kontrollieren. Australien, an der Seite der USA, sieht sich als kommende regionale Ordnungsmacht im Pazifik. Der Hafen wird gerade mit großem Finanzaufwand erweitert. Von hier aus sollen auch grosse Gasvorkommen in Asiatischen Gewässern ausgebeutet werden. Fast zwei Jahrhunderte lang hat Australien seine Asiatischen Nachbarn praktisch ignoriert. Jetzt sucht
es neue Nähe. Auch dazu dient der Zug nach Norden. "Wir sehen unsere Handelszukunft," sagt Garry Scanlan, von der Darwin Port Cooperation "in der Verbindung mit Asien, mit dem Hafen von Singapur und mit Nordasien." Unser “Ghan” hat inzwischen den tropisch-grünen Norden erreicht, zur Monsoonzeit regnet es hier fast ständig. Was aber Darwins Bevölkerung nicht von massenhaftem Jubel abhält. Ende der Jungfernfahrt, langsam kriecht der Zug durchs Ehrentor. Ganz Australien ist von einer patriotischen Welle erfasst. Nur selten hört man Anmerkungen, dass die neue Strecke auch militärischen Versorgungszwecken diene, oder die Klage über einen Ausverkauf der Bahnverbindung an internationale Konzerne. Heute feiert Australien sich selbst. Am nächsten Tag: Der Ghan ist wieder auf dem Weg nach Süden. Beim Ort Katherine gibt es einen vierstündigen Aufenthalt am winzigen Bahnhof. Für Ausflüge. Der Zug dient vornehmlich touristischen Zwecken, soll Reisende aus aller Welt anziehen. Und natürlich auch Australier, von denen bislang ja nur wenige den fernen Norden je besuchen. Mit dem Hubschrauber kann man sich – zu halbwegs vernünftigem Preis – durch die spektakulären Schluchten fliegen lassen: Ein Australisches Naturwunder. Abends im Salonwagen: Der Zug rollt durch die Nacht und die Australier, trinkfest und sangesfreudig, zelebrieren die Identität eines kleinen Volkes auf großem Kontinent am anderen Ende der Welt. Zeit genug ist dazu, im Ghan. Der Zug, der so viele Hoffnungen weckt, auf Erschließung des Landes und auf Anbindung an die Welt, wird zwei Sonnenaufgänge erleben, ehe er ankommt, in Adelaide an der fernen Südküste.

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