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Pressetexte
Bergenbahn - Norwegen
Spiegel /09.03.2005 Von Matthias Huthmacher, gms
Die Bergenbahn windet sich durch fast alle Landschaftsformen, die Norwegen zu bieten hat, und verbindet die Landeshauptstadt Oslo mit der alten Hafenstadt Bergen. Eine Fahrt zu Fjell und Fjorden.
Bergen - Der gedünstete Lachs mundet auch hoch in den norwegischen Bergen. Der Blick aus dem Fenster zeigt eine weite Hochebene: mit Gräsern, Farnen und Gebüsch bestandene Hügel, eingetaucht in das leuchtende Rot und Gelb des Herbstes. Am Horizont strahlt auf den Gipfeln der ewige Schnee. Das monoton ratternde Geräusch der auf Gleisen rollenden Rädern begleitet das Mittagsmahl.
Norwegen gilt als klassisches Auto-Reiseziel. Dennoch ist es die Bahn, die in aller Kürze einen Einblick gewährt in die Seele des Landes: Wer nur wenige Tage Zeit hat zum Kennenlernen, der fährt ganz ohne Stress für umgerechnet rund 80 Euro mit der Bergenbahn von Oslo nach Bergen und erlebt dabei Norwegen "en miniature". Vom Südosten quer durch das zentrale Gebirgsmassiv bis zu den steil ins Meer stürzenden Wänden der Fjorde des Westens. Innerhalb von acht Stunden geht es von null auf mehr als 1200 Höhenmeter und wieder hinunter ans Wasser.
Die gut 450.000 Einwohner zählende Hauptstadt am Oslofjord ist eine moderne Metropole. Schön ist Oslo mit seinem architektonischen Durcheinander nicht, doch die Stadt besitzt Flair. Wer in der Herbstsonne auf einer Terrasse von Aker Brygge hinausblickt auf den Fjord, der entdeckt diese wundersame Melange aus Betulichkeit und hektischer Betriebsamkeit ebenso wie beim Flanieren auf der Karl-Johann, der Einkaufs- und Kneipenpromenade.
Oslo bleibt überschaubar: im Zentrum der Vigeland-Park mit seinen 200 Skulpturen und das Munch-Museum, drüben, in 20 Minuten mit dem Boot erreichbar, die Halbinsel Bygdøy. Dort drängt sich norwegische Geschichte: das Volksmuseum mit 150 historischen Gebäuden aus dem ganzen Land, 1000 Jahre alte Wikingerschiffe, das Balsa-Floß "Kon-Tiki" und das Papyrus-Boot "Ra II" des kürzlich verstorbenen Abenteurers Thor Heyerdahl. Hinzu kommt die "Fram", das Expeditionsschiff der Polarhelden Fridtjof Nansen und Roald Amundsen.
Und dann sitzt man im Zug. Vom Hauptbahnhof Oslo S aus rollt der rot lackierte Bandwurm durch Vororte bis Drammen. Hier wendet er sich in weitem Bogen gen Nordosten, passiert das Bauernland rund um Vikersund und Hønefoss: Felder und Wiesen und wie hineingetupft die typischen Gehöfte mit ihren weißen Wohnhäusern und roten Stallungen. Erst ab Hønefoss nimmt die Bergenbahn Kurs gen Westen durch das malerische Hallingdal: Linkerhand wechselt der stete Fluss der Bromma mit lang gezogenen Seen, die Hänge sind bestanden mit grünem Nadelwald, während in der Höhe Birken und Eschen in Herbstfarben glühen.
Geilo liegt bereits knapp 800 Meter hoch. Die Landschaft ändert sich beinahe schlagartig: Ab hier quert die Bahn die Hardangervidda, die größte Hochebene Europas: baumlos, nur von Rentierherden und Schafen bewohnt, ein offenes, endlos wirkendes Land. Das milde Licht einer späten Sonne taucht die überraschende Farbenpracht dieser urtümlichen Landschaft in ihren Glanz. Und ausgerechnet hier, im Herzen der Berge, serviert das rollende Bistro diesen Lachs.
In 1222 Metern Höhe liegt Finse, Norwegens höchst gelegener Bahnhof und ansonsten ein winziges Kaff. Es gibt ein herrschaftliches Hotel, das schon 1907 errichtet wurde. Und ein Museum, das die Geschichte der Bergenbahn erzählt: 1894 begann der Bau, 15.000 Arbeiter schufteten 15 Jahre lang an der rund 500 Kilometer langen Strecke. Damals wurden nur wenige Tunnel gegraben, doch hat die Norwegische Staatsbahn NSB in den vergangenen Jahrzehnten zum Schutz vor Lawinen und Schneeverwehungen immer neue Röhren verlegt - heute unterbrechen etwa 200 dunkle Abschnitte das Panorama der Fahrt.
Der nächste Halt heißt Myrdal. Wer etwas Zeit hat, steigt hier um. Von Myrdal aus kriecht die weltweit steilste Eisenbahn auf Normalspur in Atem beraubender Weise hinunter nach Flåm. Auf fast vier Fünfteln der 20 Kilometer langen Strecke bewältigt die Flåmbahn eine Steigung von 55 Prozent, vorbei an einsamen Berghöfen und Wasserfällen bis hinunter zum Aurlandsfjord, einem Nebenarm des Sognefjords. Man kann die gleiche Strecke wieder zurückfahren oder per Schiff den Fjord durchkreuzen bis nach Gudvangen - von dort fährt ein Bus nach Voss zurück zur Bergenbahn.
Deren rote Wagenkette schlängelt sich nun in langen Kurven hinunter nach Bergen. Eine Stadt als Museum: Das alte Hafenviertel Bryggen, im 13. Jahrhundert von den Kaufleuten der Hanse gegründet, erlaubt einen Streifzug durch die Geschichte. Die historische Fassadenfront beherbergt zahlreiche kleine Geschäfte und Läden. In den engen Gassen dahinter riecht es nach Holz und Teer. Am inneren Ende des Hafenbeckens von Vågen liegt der Fischmarkt, und ganz in der Nähe legen Boote zu mehrstündigen Ausflügen in die Welt der Fjorde ab.
Am Ende aber geht es wieder auf die Bahn. Die Fahrt zurück nach Oslo erfolgt über die gleiche Strecke, doch langweilig wird einem dabei nicht: Zu vielfältig sind die Eindrücke, zu abwechslungsreich die wie im Film vorüberziehende Landschaft - und außerdem werden diesmal diese schmackhaften Frikadellen aus Elchfleisch versucht.
Von Matthias Huthmacher, gms
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